• Steven

Tasting Notes Islay Cask Company Brother & Sister

Eine Insel. Eine Company. Eine Handvoll Kerle, denen eine hochprozentige, Fass gereifte Spirituose den Kopf verdreht. Sie sind davon getrieben, diese Insel nicht mit leeren Händen zu verlassen, sondern dort Schätze aufzustöbern...

Wer jetzt die neuesten Abenteuer von Jack Sparrow... pardon, Captain Jack Sparrow gegen die Ostindische Handelsgesellschaft erwartet, den muss ich leider enttäuschen.

Das flüssige Gold ist auch kein Rum, sondern feinster Islay Whisky.

In der Crew heißt niemand Stiefelriemen, sondern Michael, Stefan, Dieter, Jörg und Oliver. Zusammen ergänzen sie ihre Kompetenzen perfekt zur Islay Cask Company.

Vor mehr als zehn Jahren wuchs aus der Leidenschaft, Schottland und insbesondere Islay zu bereisen, der große Traum ein eigenes Fass zu kaufen und zu vertreiben. Gemeinsam nahmen sich die Jungs diesem Investment an. Mittlerweile sind sie zwei bis drei Mal im Jahr auf der Insel, um neue Projekte zu realisieren.

Eines dieser Projekte ist quasi ein Familienprojekt. Doch befanden sich deren Mitglieder nicht außerhalb, sondern direkt in den Fässern! Die Geschwister sind genau genommen Zwillinge und reiften nach haargenau gleichen Parametern. Am 10. Mai 2011 destilliert und im Juni 2019 abgefüllt, 57,7 % Alkohol, Bourbon Fass gelagert und weder kühl gefiltert noch gefärbt. Einzig und allein die Umlagerung der „Schwester“ zehn Monate vor Abfüllung in ein Chateau Lafite-Rothschild aus dem Bordeaux, also einem Cabernet Sauvignon-Fass, macht den Unterschied.

Wie sehr sich dieser Unterschied am Ende auswirkt, hat uns so neugierig gemacht, dass wir „Brother“ und „Sister“ von der ICC einfach gegeneinander verkosten mussten.

Auch wenn wir sonst Gentlemen sind, beginnen wir in diesem Fall mit dem männlichen Hauptdarsteller des Caol Ila´s, um später die Auswirkungen des Finishs besser erkennen zu können.

Bereits beim ersten Riechen bringen die acht Jahre schon eine gute Komplexität mit. Der Brother startet mit sehr getreidigen Noten, die anfangs an geröstetes Brot und später an ungesüßte Haferkekse erinnern. Der Rauch ist sehr gut eingebunden, so dass die klassische Schinken-Assoziation nur ganz gering durch kommt. Nach Gewürzen wie schwarzem Pfeffer und Rosmarin, schwenkt der Bruder noch in Richtung kalte Asche und etwas Kalk, sowie die leichte Bitterkeit grüner Paprikas ab.

Wer glaubt, dass die fast 58% im Mund jetzt wild um sich schlagen, ist völlig auf dem Holzweg. Allerdings ist das Geschmackserlebnis wie eine Achterbahnfahrt. Ein Geschmack holt den nächsten, erkennt man ein Profil, eröffnet sich schon das nächste. Das sind Momente beim Tastingnotes schreiben, in denen der Gaumen schneller ist als die schreibende Hand. Sollte ich in Zukunft vielleicht aufs Diktiergerät umsteigen?

Also was mit dem Geschmack des Eichenfasses begann, wandelte sich schnell in Richtung Kaffee und wurde dann noch intensiver wie Tabak bis hin zu dunkler Schokolade. Allerdings immer mit einem Balanceakt an der Bitterkeit. Jedes Mal denkt man, gleich kommt sie... aber jetzt.... oder jetzt.... aber er kippt nicht in die bittere Schiene. Sowas hab ich auch noch nicht erlebt. Toll!

Beim zweiten probieren folgt dann Sinnesverwirrung, aber eine schöne. Scheint der Rauch in der Nase schon verschwunden zu sein, ist er beim Trinken intensiver geworden. Mehr Rauch, mehr Salz, mehr Milchschokolade.

Was bleibt ist ein langanhaltender, super ausgewogener Abgang! Und was kommt ist die Vorfreude und Spannung auf die „Sister“.

Optisch hat das Finish auf jeden Fall Spuren hinterlassen, so dass man Bruder und Schwester mit bloßem Auge unterscheiden kann. Doch setzt sich dies auch in der Nase und am Gaumen fort?

Ein ganz klares JA! Hier kommt absolut keine Blaupause ihres Bruders mit femininer Abrundung. Nein, Sister wirkt völlig eigenständig, selbstbewusst und was soll ich sagen... nicht wie ein Zwilling!

Das Cabernet Sauvignon Fass hat ihr auf jeden Fall mehr Balance, mehr Ruhe, mehr Ausgewogenheit verpasst. Zu Beginn scheinen der hohe Alkoholgehalt und der Rauch in ganz weite Ferne zu verschwinden und den süßen Aromen von Zuckerkuchen und salzigem Karamell den Vortritt zu lassen.

Nach einer Weile an der Luft tauschen dann die Protagonisten. Die Süße geht in den Hintergrund und der Rauch startet seine Performance.

Beim ersten Trinken zeigt sich dann aber die Abstammung, denn auch das Schwesterchen kann mit Aromaprofilen kaum an sich halten.

Das salzige Karamell macht den Anfang, gefolgt von einer leichten Holzigkeit. Dann kommt hier wieder der Barista zum Einsatz, allerdings eher süßer in Richtung Cappuccino. Dunkle Schokolade und leichter Tabak sind auch hier zu finden und zum Schluss dann doch etwas geräucherter Schinken.

Was jetzt bewusster auffällt und beim Brother eher abgetan wurde, ist, dass man nach einer Weile nach dem Trinken das Gefühl hat, tatsächlich geraucht zu haben.

Auch beim zweiten Verkosten startet das Fräulein wieder süßer. Pflaumen und Hefeteig...also eigentlich Pflaumenkuchen habe ich gerade gerochen. Der Auftritt wird cremiger und buttriger und unaufhörlich süß. Creme Brulée, Fudge und wieder salziges Karamell sind da.

Im Mund geht noch einmal das süß-salzige Karussell auf die Reise. Rauch wechselt sich mit Fudge und Weingummis ab, um dann wieder in Tang und Salz abzudrehen.

Aber zu keinem Zeitpunkt hat die Sister irgendeine Bitterkeit.

Wie Ihr Bruder ist auch sie sehr langanhaltend im Abgang.

Im Fazit sind beide Malts auf ihre Weise interessant und auf jeden Fall sehr facettenreich. Die acht Jahre tun gut und haben jegliche jugendliche Unstimmigkeiten ausgemerzt. Da es sich bei beiden um Single Casks handelt, darf man zu recht zu einem guten Fassmanagement gratulieren.

Der Preis für den Brother mit knapp unter 70 € geht für diese Performance völlig in Ordnung.

Das die Schwester leider dann etwas über 80 € liegt, ist zwar grenzwertig, aber aufgrund des Finishs vertretbar.

Dennoch traten hier Zwillinge an, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Man könnte also sagen nach der Liaison im Chateau Lafite ist es eine Sister from another mister!

32 Ansichten

©2020 Dramtastics. Erstellt mit Wix.com

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now